Babies als Mobbing-PrÀvention

Mobbing und Agression sind ein weit verbreitetes PhĂ€nomen in Schulen und anderswo. In einmĂŒtiger Hilflosigkeit wird hierzulande nach schĂ€rferen Strafen, mehr Konsequenz und Zivilcourage gerufen. In Kanada beschreietet die Organisation Roots of Empathy (Wurzeln der Empathie)  einen ganz anderen Weg: Sie bringt Kindergarten- und Schulkinder in einem systematischen Programm in regelmĂ€ĂŸgigen Kontakt mit Babys. Mary Gordon, die GrĂŒnderin des Programms sagt: “Wenn wir von Sicherheit sprechen, geht es nicht um Regeln, sondern darum, wie sich die Kinder innen drin fĂŒhlen.” Sie hat in der Arbeit mit gewalttĂ€tigen Eltern erfahren, dass denen oft der Zugang zu Empathie verbaut ist, weil sie selbst kaum Empathie erfahren hatten. Und wo die EmpathiefĂ€higkeit fehlt, kann Gewalt ausufern. Mit dieser Erkenntnis wollte sie direkt an der Wurzel ansetzen und die EmpathiefĂ€higkeit von zukĂŒnftigen VĂ€tern und MĂŒttern verbessern und entwickelte das Programm “Roots of Empathy”, das mittlerweile in  ĂŒber 12.000 Klassen in Kanada durchgefĂŒhrt wurde.

MĂŒtter und VĂ€ter ĂŒbernehmen mit ihren Neugeborenen quasi eine Patenschaft fĂŒr die Klassen. Die Eltern kommen mit ihren Babys ĂŒber einen Zeitraum von 9 Monaten jeweils einmal im Monat zu Besuch in eine Klasse. Zu Beginn sind die Babys dabei 2 bis 4 Monate alt. Ein geschulter Anleiter begleitet das Programm. WĂ€hrend des Besuches sitzen Mutter, Baby und die Kinder auf einer grĂŒnen Decke am Boden. Die Kinder  beobachten, nehmen die Perspektive des Babys ein, feiern gemeinsam das, was das Baby neu gelernt hat, singen Lieder, vermuten, was das Kind braucht, wenn es schreit und fĂŒhlen sich unter Anleitung auf viele verschiedene Weise in das Baby ein.

Das Faszienierende: Die Auswirkungen auf die Klassen sind nach wissenschaftlichen Begleituntersuchungen enorm. So nimmt die proaktive Aggression der Kinder deutlich ab. Damit ist das Verhalten gemeint, wo Kinder “ohne Anlass aggressiv” gegen andere vorgehen. Bei 88 % der Kinder, die dieses Verhalten zeigten, nimmt es im Verlauf des Programms ab. In der Kontrollgruppe nimmt es nur bei 9 % ab – und bei vielen nimmt es zu. Auch “BeziehungsaggressivitĂ€t” wie HĂ€nseln, Tuscheln, Ausgrenzen nimmt ab. In der Provinz Motiba wurde das Programm in 300 Klassen angewandt und der Anteil der Kinder, die in KĂ€mpfe verwickelt waren, halbierte sich fast (von 15 auf 8 %). “Ganz nebenbei” nahm auch die EmpathiefĂ€higkeit der Lehrer zu, was Mary Gordon, die GrĂŒnderin des Programms zu dem Satz inspiriert: “Empathy can’t be taught, but it can be caught.” ((Empathie kann nicht gelehrt werden, aber sie kann aufgeschnappt werden).

Dieser Artikel ist eine Zusammenfassung des Artikels “Fighting Bullying With Babies” von DAVID BORNSTEIN in Opinionator, einem Online Service der New York Times, wo sich noch eine Vielzahl weiterer lesenswerter Artikel finden. Der Originalartikel enthĂ€lt zusĂ€tzlich Ideen zu den Neurobiologischen Wirkweisen und eine Vielzahl interessanter Links und Aspekte.

Text von Gerhard Rothhaupt, http://www.visionenundwege.de/wordpress/index.php/allgemein/babies-als-mobbingpravention

Gerhard Rothhaupt

geschrieben am 23. November 2011 von Gerhard Rothhaupt
International zertifizierter Trainer fĂŒr Gewaltfreie Kommunikation (CNVC) seit 2004. Kommunikationstrainer, Moderator und Coach seit 1998.

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